Fête des Remparts

Eine Reise in das Mittelalter, vom 18. bis zum 21. Juli 2014…

 

Das Fête des Remparts in Dinan nahe unserer Partnergemeinde in Léhon war das Ziel der Reise.
Wir starteten um 6:30 Uhr am Freitag mit drei Autos. Nach NAVI hatten wir genug Zeit, um gegen 18:30 in Léhon zu sein. Das Umfahren von Paris im stop and go brachte uns einen Zeitverlust von ca. 1,5 Stunden. Diesen, durch höhere Geschwindigkeit wiederauszugleichen, kann in Frankreich teuer sein, die Polizei lässt auch nicht mit sich diskutieren.
Im Klostergarten der Abtei wurden wir von unseren Lehoner Freunden zusammen mit dem Bürgermeister von Léhon, René Degrenne, herzlich empfangen. Der wunderschöne Rahmen und die warmherzige Begrüßung der Vereinsvorsitzende, Joëlle Sorel, ließen uns sehr schnell die lange Fahrt vergessen.
Unsere  französischen Gastgeber waren bereits in tollen Kostümen erschienen und wir durften uns auch als Bauer, Magd, Edelfrau und Edelmann sowie Ritter oder Mönch verkleiden. Die Kostüme wurden angepasst, mit Sicherheitsnadeln oder anderen Accessoires. Eine Tischdecke verwandelte sich plötzlich in einen Gürtel. Kopfschmuck wurde am nächsten Tag auf dem Markt erworben.
Der Abend in den Gastfamilien ließ Zeit für Konversation, die je nach Sprachkenntnis mit einem Kauderwelsch aus Französisch, Deutsch, Englisch sowie Händen, Füßen und teilweise wilden Gestickten bestand.

Am Samstagvormittag hatten wir Zeit mit der Familie für eigene Unternehmungen. Manche, die zum ersten Mal in der Bretagne waren, besichtigten die Umgebung. In der kurzen Zeit kann man sich allerdings nur einen schnellen Überblick verschaffen, der einfach Lust auf einen weiteren Besuch gibt. Andere gingen zu dem mittelalterlichen Markt, der sich in ganz Dinan verteilte. Die Stadt war noch nicht so voll, so dass man gemütlich und ungestört durch die Gassen verweilen konnte und das große Angebot an mittelalterlichen Gegenständen, Kostümen, Viktualien u.v.m. anschauen und genießen konnte.

Der erste Programmpunkt war das Treffen um 16:00 Uhr im Garten der Abtei, wo sich alle Teilnehmer aus Léhon und Abstatt versammelten, um sich an dem Marsch „le Grand Chemin“ zu beteiligen.

Kostümierte Gruppe

Der „Grand Chemin“ stellt den Lauf dar, von Broons, Heimat von Bertrand Du Guesclin, bis Dinan. Bertrand Du Guesclin (geb. 1320) ging dank seiner militärischen Erfolge im Hundertjährigen Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs als ein „Ritter ohne Fehl und Tadel“ in die Legende ein und erlangte im kollektiven Gedächtnis der Franzosen den Status eines Nationalhelden.

Auf dem 16 km langen Weg trafen sich im Mittelalter alle Menschen der Umgebung, Adlige, Ritter, Mönche, Bauer mit ihren Eseln, ihren Karren und zogen zusammen in Dinan an der Rance entlang und über die steile Straße „Jerzual“. Zum Glück war die Strecke für uns viel kürzer und trotz Laufschwierigkeiten auf den uralten Kopfsteinen ziemlich kurzweilig. Vor unserer Gruppe liefen „Les Gourganes“, diese Seeleute, die bei der Einweihung des Bürgerparks in Abstatt mit ihren Liedern mitgewirkt hatten. Ihr fröhlicher Gesang, der Beifall der Einwohner, die Späße mancher Mitwirkenden und die vielen Pausen machten aus diesem normalerweise anstrengenden Lauf eine sehr unterhaltsame Angelegenheit. Das gemeinsame Abendessen war um 20:30 Uhr geplant. So hatten wir alle noch etwas Zeit, um ein paar Animationen anzuschauen.

Innerhalb der Stadtmauer waren vier verschiedene Gelände mit jeweils Ständen, Ausstellungen und Vorführungen zu bestimmten Themen: Die Handwerker und die Entwicklung ihrer Werkzeugen, die Reichtümer des Mittelalters und die technischen sowie medizinischen Neuerungen, die Lebensarten mit der höflichen Liebe, den traditionellen Tanzen, der Falknerei und der damaligen Gastronomie und nicht zuletzt die militärische Kunst mit Ausrüstungen und Kämpfen.

Für das Abendessen waren für uns theoretisch Tische im Zelt des Léhonner Fußballvereins reserviert. Doch wegen des großen Andrangs musste man etwas warten. So hatte aber jeder genügend Zeit, um sein Essen auszuwählen. Der Lehoner Bürgermeister gesellte sich freundlicherweise zu unserer Gruppe und die Gourganes kamen vorbei und sangen ein paar Lieder extra für uns. Die gesamte Stimmung wurde immer lockerer und heiterer, die Kommunikation zwischen Abstatter und Lehoner mit jeder Minute einfacher.

Als Abschluss für diesen ersten Tag fand auf dem großen Platz ein mittelalterlicher Ball mit Einführung in den Tänzen statt. Der Platz war ziemlich voll, es herrschte aber eine sehr nette und freundliche Stimmung, bei der man unter den Anleitungen ein paar Schritte mit ganz Fremden Mitmenschen tanzen konnten. In der Dämmerung bildete sich eine wunderschöne Mischung aus tausenden von einfachen bis zu prachtvollen Kostümen. Als ein paar Tropfen ein Gewitter ankündeten war es auch langsam Zeit, nach Hause zu gehen.

Den Sonntagmorgen konnte jeder mit seiner Gastfamilie nach Lust und Laune gestalten, ob durch Besichtigung oder durch das Anschauen der Animationen und des Marktes. Zum Mittagessen war ein Picknick auf der Wiese am Hafen organisiert. Das Wetter war ideal, trocken und nicht zu heiß. Jeder hatte etwas gebracht, es gab reichlich von allem, Sandwichen, Salaten, Wurst, Käse, Kuchen, Obst, Sekt, Wein, Cidre, Wasser u.v.m. Das Picknick war für die älteren Lehoner Mitglieder die Gelegenheit, sich anzuschließen. So ist ein wunderschönes Bild mit 3 Generationen entstanden, das diese langjährige Freundschaft symbolisiert.

3_Generationen

Verstärkt oder geschwächt, je nachdem, starteten wir in Richtung Stadtmitte. Treffpunkt war die Tribüne am Fuß der Stadtmauer, die für das Ritterturnier eingerichtet wurde. Pünktlich um 16:00 Uhr fing die Vorführung an. Die Stadtmauer zwischen dem Bergfried und einem Burgtor zusammen mit dem blauen Himmel schenkten dem  berühmten Turnier zwischen Bertrand Du Guesclin und Thomas von Canterbury einen einmaligen Rahmen. Die Kostüme der Ritter und der Schmuck der Pferde glänzten in der Sonne. Man konnte sich an der Geschicklichkeit der Darsteller nur erfreuen. Das Gelände bot den Pferden keine sehr lange Anlaufsstrecke für jeden Angriff, was das große Können der Ritter besonders hervorhob. Die Geschichte zum Turnier wurde im Hintergrund im Altfranzösisch erzählt, einer wunderschönen, bildhaften Sprache, die für die Abstatter allerdings etwas geheimnisvoll blieb. Nichtsdestotrotz waren alle begeistert und sehr beeindruckt. An den zwei Tagen fanden 6 Vorführungen statt, mit insgesamt 11.000 Zuschauern, ein Riesenerfolg für die Organisatoren.

Nach diesem eindrucksvollen Erlebnis gingen wir auseinander und versuchten, uns durch die überfüllten Gassen durchzuschlängeln, um noch kurz vor dem großen Umzug „la grande Pavane“ etwas anzuschauen und etwas zu essen. Laut offizieller Angaben waren es ca. 8.000 kostümierte Teilnehmer mit insgesamt ca. 100.000 Besuchern und darunter 14 Abstatter, die trotz Minderheit einen großen Erfolg bei dem Umzug genießen konnten. Der Partnerschaftsverein nahm nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder an dem großen Umzug Teil. Joëlle Sorel hatte uns offiziell bei dem Organisationskomitee gemeldet. Wir durften als letzte Gruppe den Umzug schließen, der um 21:30 Uhr startete. Wir bekamen mit unseren ca. 40 Ölfackeln einen riesigen Beifall für die tolle Illumination. Als Ersten liefen unsere Soldaten mit den Abstatter und Lehoner Fähnchen, gefolgt von den Adligen, den Bauern, den Mägden und zum Schluss den Mönchen. Als Mönch kostümiert begleitet uns der Lehoner Bürgermeister, René Degrenne, auf der ganzen Strecke.

Abstatt Léhon

Bis 23:30 Uhr liefen wir durch die eng verwinkelten Straßen von Dinan, unter dem Jubeln und dem Applaus der Zuschauer. Eine ganze Stadt feierte zusammen mit ihren Besuchern bis in die Dunkelheit. Es war genial, grandios, einfach unvergesslich.

Die Rückfahrt am Montag verlief ohne Zwischenfälle und wir kamen so gegen 19:00 Uhr nach Hause. Ein Teil von uns ist dort geblieben und macht Urlaub, wir wünschen gute Erholung in einer solch wunderschönen Gegend.

Unseren Léhoner Freunden verdanken wir ein ganz tolles Wochenende,  das für sie viel Organisation und Aufwand bedeutete. Inzwischen sind mehrere Artikel in den dortigen Zeitungen erschienen, die unsere Partnerschaft hervorheben: ein Erfolg für beide Seiten!

Ein Bericht von Andrée Pillon-Watterott